Geschrieben von am 21 August 2013 in Allgemein | Keine Kommentare

Ein Buch von erlehmann & plomlompom aus dem Verlag O’Reilly
 

Worum geht es?

Ein Internet-Meme ist…nicht jeder Inhalt, der sich im Netz wie ein Lauffeuer verbreitet. Aber die LOL-Cats – siehe Cover-Foto – sind eines. Die Katzenmotive treten immer wieder neu und mit verfremdeter Grammatik beschriftet auf. Ebenso zählen das Video „Charly bit my finger“ zu den Internet-Meme und der letzte Coup von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, bei dem er kürzlich die NSA-Affäre für beendet erklärte. Die Internetgemeinde nahm diese Aussage zum Anlass, um unter dem Hashtag #PofallabeendetDinge diverse Themen in der öffentlichen Diskussion für beendet zu erklären. Nicht mit Wahlkampfthemen, jedoch mit diesen von den Nutzern gestalteten Pseudo-Wahlplakaten hat der Politiker es dann auch in die klassischen Medien geschafft.
 

Was macht Inhalte im Netz zum Meme und was bedeutet das Wort überhaupt?

„Internet-Meme sind Inhalte, die sich viral im Netz verbreiten.“

Vorsicht, hier wird es akademisch. Einführend definieren die Autoren den Begriff „Memetik“. Sie beziehen sich dabei auf den Evolutionstheoretiker Dawkins, der 1976 den Begriff „Mem“ geprägt hat. Es geht hier um „kulturelle Informationen, die sich zwischen Menschen durch Nachahmung verbreiten“. Diese Denkschule der Memetik sieht die Menschen nicht als „Sklaven ihrer Gene“ sondern der Meme. Meme sind in dem Sinne kulturelle Praktiken, die sich durchgesetzt haben und damit unsere Kultur prägen.
 
Als wirkungsmächtige Mem-Komplexe gelten beispielsweise die Religionen. Sie veranlassen ihre Träger Dinge zu tun, die ihren Trieben widersprechen wie zur Fastenzeit Nahrung zu verweigern. Viral werden die Inhalte durch den heute einfachen Zugriff auf’s Internet. Das ermöglicht es Nutzern, Inhalte leicht und schnell zu teilen. In manchen Fällen wie bei #PofallebeendetDinge oder der #Aufschrei -Diskussion erreichen die Inhalte extrem viele Nutzer und sie werden: viral.
 
Voraussetzung dafür, dass Inhalte zum Internet-Meme werden, ist das „eigene bewusste Handeln der Teilnehmer der Verbreitungswelle“ – egal, ob es sich um Wörter- und Wortfolgen, Bilder, Videos, Lieder, Formeln oder nur Vorlagen zur Gestaltung handelt. So zählen auch die Videos zum „Gangnam Style“ oder „Harlam Shake“ dazu.
 

Die Geschichte des Internet-Memes

…beginnt nicht erst mit den sozialen Netzwerken. Die Autoren gehen zurück in die frühen Zeiten des Internets, stellen für Internet-Memes prägende Imageboards wie Krautchan und 4chan vor. Der Leser lernt einiges über diese Art Subkultur, aus der Teile zum Mainstream geworden sind, beispielsweise die Anfänge der Emoticons wie

🙂 (Doppelpunkt, Gedankenstrich, Klammer zu)

das Scott Fahlmann 1982 erstmals verwendete.
 

Was soll das Ganze?

Die Memes sind Ausdruck und Zeichen einer Subkultur. Die Kenntnis von verschlüsselter Sprache und Zeichen zeugt dabei von der „Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und deren kultureller Praxis“. Durch das Prinzip des Aufgreifens, Nachahmens und Verfremdens von Inhalten spielt das Urheberrecht beim Internet-Meme gerade keine Rolle. Denn typisch für ein erfolgreiches Meme ist die Veränderung, die immer über das anfänglich Beabsichtigte hinausgeht. Dadurch haben Nutzer in Deutschland prinzipiell wieder ein rechtliches Problem, das in diesem Text von lto beschrieben wird.
 
Die Autoren beschreiben Memes „als mächtige Kulturform in der Internetgeschichte“, die nicht durch einen Einzelnen, sondern nur durch die Vielen entstehen. Die Memes entwickeln sich in „einflussreiche(n) Meme-Ökosysteme(n) wie Imageboards“ und interessanterweise nicht bei Facebook, obwohl die vielen Nutzer dort eine gute Voraussetzung dafür wären, Inhalte zu Memes werden zu lassen. Im Buch werden Beispiele von Memes in verschiedenen Zusammenhängen wie Bild, Schock&Trollerei, Multimedia oder Politik vorgestellt. Interessanterweise haben Internet-Meme das Potential, kurzzeitig eine hohe Aufmerksamkeit zu erreichen, um dann ebenso schnell in Vergessenheit zu geraten.
 

Fazit

Die Autoren bemühen sich, dieses recht neue Phänomen der Internet-Meme umfänglich zu erfassen und zu beschreiben. Viele gute Ansätze und Beobachtungen stecken darin. Auch wenn die beschriebenen Inhalte recht simpel und unterhaltsam sind, das Buch ist es nicht. Es ist keine unterhaltsame Nebenbei-Lektüre sondern ein soziologisches Sachbuch, das versucht, die Dinge einzuordnen. An vielen Stellen ist das sicher gut und richtig, an anderen ist es einfach trocken. Punktuell habe ich mir eine Vertiefung gewünscht, zum Beispiel:

  • Warum ist die Wirkung von Internet-Memes so wenig nachhaltig?
  • Warum ist Facebook interessanterweise kein Nährboden für erfolgreiche
    Internet-Memes?
  • Inwiefern verändern Internet-Meme unsere Kultur?

Aber vielleicht ist das an dieser Stelle auch zu viel verlangt. Das Buch ist ein Anfang. Es beschreibt ein neues Phänomen. Und die Autoren haben für Korrekturen und fortlaufende Informationen zum Thema eine Webseite eingerichtet, hoffentlich der Nährboden für Band 2.

Immerhin, die Abschlussthese der Autoren ist ganz sexy:

Vielleicht entsteht hier auf Grundlage des Internets durch die gemeinsame Kreativität und Auswahl von vielen Millionen Menschen eine neue Weltsprache: die der Internet-Meme.

 

Für mich als PR-Beraterin,

…die häufig auch mit Marketing-Wünschen konfrontiert wird, schlussfolgere ich, dass Internet-Memes ein eher schwieriges Instrument der Kommunikation sind, denn:

  • man kann ein Internet-Mem schwer „erschaffen“ und
  • der Absender muss bewusst auf Kontrolle verzichten sowie sich ungeahnte
    Umdeutungen nebst möglicher Trollereien gefallen lassen.
  • Letztlich ist ein Internet-Mem wegen der urheberrechtlichen Bedenken in Deutschland schlicht nicht empfehlenswert.